In deiner Anleitung steht „w&t", oder „Doppelmasche bilden", oder einfach „wenden". Du strickst nicht bis zum Ende der Reihe, sondern drehst mittendrin um – und fragst dich, ob das so gemeint sein kann. Kann es. Verkürzte Reihen sind eine der nützlichsten Techniken im Stricken, und sie sind der Grund dafür, dass ein Pullover hinten höher sitzt als vorne, dass eine Schulter schräg verläuft und dass eine Bumerangferse überhaupt funktioniert.
Der Ruf, den sie haben, ist trotzdem gemischt. Viele Strickerinnen machen einmal eine Reihe Kurzreihen, sehen eine Kette kleiner Löcher und beschließen, dass das nichts für sie ist. Dabei liegt das Problem fast nie am Können, sondern an der Technik-Variante – es gibt nämlich mehrere, und sie unterscheiden sich deutlich darin, wie sauber und wie fehlerverzeihend sie sind.
Dieser Artikel erklärt, was verkürzte Reihen konstruktiv tun, stellt die drei wichtigsten Techniken ehrlich gegenüber und zeigt, woran die typischen Löcher wirklich liegen.
Was verkürzte Reihen eigentlich tun
Stell dir ein Stück Strickstoff als Rechteck vor. Jede Reihe geht von links nach rechts, jede Masche steht in ihrer Spalte, alles bleibt rechteckig. Wenn du Form willst, hast du zwei Möglichkeiten:
Du änderst die Maschenzahl. Zunahmen und Abnahmen fügen Spalten hinzu oder nehmen sie weg. Das Gestrick wird breiter oder schmaler – die Kante wandert seitlich.
Du änderst die Reihenzahl – aber nur stellenweise. Genau das sind verkürzte Reihen. Du strickst an einer Stelle des Gestricks mehr Reihen als an einer anderen. Die Maschenzahl bleibt konstant, aber eine Seite wird höher als die andere. Das Rechteck wird zum Keil.
Das ist der ganze Trick. Zunahmen arbeiten in der Breite, Kurzreihen in der Höhe. Und weil Stoff, der auf einer Seite höher ist, sich zwangsläufig biegt, kannst du mit verkürzten Reihen ein flaches Gestrick um eine Kurve zwingen – um eine Schulter, um eine Ferse, um einen Halsausschnitt.
Der praktische Vorteil: Du veränderst die Passform, ohne die Maschenanzahl anzufassen. Das Muster läuft ungestört weiter, das Bündchen bleibt so breit wie es war, die Rundenzahl stimmt noch.
Das Grundprinzip in drei Schritten
Unabhängig von der Technik läuft jede Kurzreihe gleich ab:
- Du strickst bis zu einem Punkt vor dem Reihenende – nicht bis zur letzten Masche.
- Du wendest die Arbeit, obwohl noch Maschen unbearbeitet auf der Nadel liegen.
- Du sicherst den Wendepunkt – und genau das ist der Teil, für den es verschiedene Techniken gibt.
Wiederholst du das mehrmals und lässt jedes Mal ein paar Maschen mehr liegen, entsteht eine treppenförmige Staffelung. Danach holst du die liegengelassenen Maschen wieder ein: Du strickst über die Wendepunkte hinweg, löst dabei jeweils die Sicherung auf und arbeitest wieder über die volle Breite. Aus der Treppe wird ein glatter Keil.
Wenn du beim Lesen von Anleitungen an dieser Stelle regelmäßig aussteigst, lohnt sich ein Blick in Strickanleitungen lesen – gerade Kurzreihen werden in Anleitungen oft extrem knapp abgekürzt und setzen voraus, dass man die Technik kennt.
Warum am Wendepunkt ein Loch entsteht
Das ist die Kernfrage, und sie erklärt alle Techniken auf einmal.
Wenn du mitten in der Reihe wendest, wird an dieser Stelle der Faden nicht wie sonst von Masche zu Masche weitergeführt, sondern kehrt um. Zwischen der letzten gestrickten Masche und der ersten liegengelassenen entsteht dadurch eine Lücke – der Faden überspannt eine Stelle, an der er sonst verankert wäre. Wenn du später darüber hinwegstrickst, ohne diese Lücke zu schließen, bleibt sie als Loch sichtbar.
Alle Kurzreihen-Techniken lösen dasselbe Problem: Sie erzeugen am Wendepunkt zusätzliches Garn, das sich später mit der Nachbarmasche verstricken lässt. Sie unterscheiden sich nur darin, wo dieses Garn zwischengelagert wird – um eine Masche herum, auf der Nadel oder an einem Marker.
Die drei wichtigsten Techniken
Wrap and Turn (w&t)
Die klassische, in englischsprachigen Anleitungen am häufigsten abgekürzte Variante. Bevor du wendest, legst du den Arbeitsfaden um die nächste, noch unbearbeitete Masche – das ist der „Wrap". Diese Umwicklung bleibt dort liegen, bis du in einer späteren Reihe wieder an dieser Stelle ankommst. Dann hebst du den Wrap auf die Nadel und strickst ihn zusammen mit der zugehörigen Masche ab, wodurch er von der rechten Seite aus praktisch verschwindet.
Stärken: Der Wrap ist sichtbar und eindeutig – du kannst an der Arbeit ablesen, wo du gewendet hast. Das macht die Technik gut kontrollierbar, wenn man ein Stück auch mal liegen lässt und später weiterstrickt.
Schwächen: Das Aufnehmen und Mitabstricken des Wraps braucht Aufmerksamkeit, besonders auf der linken Seite. Und weil das Garn um eine ganze Masche herumgelegt wird, ist an der Stelle vergleichsweise viel Material – in feinen Garnen sieht man das.
German Short Rows (Doppelmasche)
Die im deutschsprachigen Raum verbreitetste Variante, und die, die in modernen Anleitungen am häufigsten empfohlen wird. Hier wendest du zuerst und sicherst danach: Die zuletzt gearbeitete Masche wird wie zum Linksstricken abgehoben, dann ziehst du den Arbeitsfaden straff über die Nadel nach hinten. Dadurch kippt die Masche und beide Schenkel der darunterliegenden Masche legen sich nebeneinander auf die Nadel – es sieht aus wie zwei Maschen. Daher der Name Doppelmasche. Später strickst du diese Doppelmasche wie eine einzige Masche ab, und der Wendepunkt verschwindet.
Stärken: Schnell, gut zu merken und sehr fehlerverzeihend beim späteren Abstricken – die Doppelmasche ist auf der Nadel unübersehbar. Für die meisten Projekte in Fingering bis Worsted ist das die praktischste Wahl.
Schwächen: Das Ergebnis steht und fällt damit, wie straff du beim Wenden ziehst. Ziehst du zu locker, ist die Doppelmasche nicht sauber gebildet und das Loch bleibt trotzdem. Das ist der mit Abstand häufigste Grund für „German Short Rows funktionieren bei mir nicht" – und es ist reine Handgewöhnung, kein Verständnisproblem.
Japanese Short Rows
Die sauberste, aber auch umständlichste der drei. Du wendest und markierst den Arbeitsfaden am Wendepunkt mit einem abnehmbaren Maschenmarkierer, einer Sicherheitsnadel ohne Spirale oder einem Stück Beilaufgarn. Später ziehst du an diesem Marker die gespeicherte Schlaufe nach oben, legst sie auf die Nadel, entfernst den Marker und strickst die Schlaufe mit der Nachbarmasche zusammen ab.
Im Prinzip ist das dasselbe Verfahren wie Wrap and Turn – nur wird die Schlaufe an einem Marker statt um eine Masche gespeichert. Weil eine Schlaufe um einen dünnen Marker kleiner ausfällt als um eine Masche, sitzt der Wendepunkt straffer und mit weniger überschüssigem Garn.
Stärken: Der unauffälligste Übergang der drei Techniken, mit dem geringsten Materialüberschuss. Das macht sie zur ersten Wahl für Lace und für sehr feine Garne, bei denen jede Unregelmäßigkeit sichtbar wird. Wenn du in diese Richtung arbeitest, ist auch Lacework & Spitzenstricken interessant.
Schwächen: Du brauchst für jeden Wendepunkt einen Marker – bei einer Schulterschrägung mit zwölf Wendungen liegen entsprechend viele kleine Teile an deinem Gestrick. Das ist unhandlich, es verhakt sich, und für ein Projekt mit vielen Kurzreihen ist es schlicht mühsam.
Kurz gegenübergestellt
| Wrap and Turn | German Short Rows | Japanese Short Rows | |
|---|---|---|---|
| Sicherung | Faden um die nächste Masche | Doppelmasche auf der Nadel | Schlaufe am Marker |
| Sauberkeit | solide | sehr gut bei straffem Zug | am saubersten |
| Tempo | mittel | schnell | langsam |
| Hilfsmittel | keine | keine | ein Marker pro Wendung |
| Besonders geeignet für | Anleitungen, die es so vorgeben | Alltagsprojekte, Pullover, Fersen | Lace, sehr feine Garne |
Es gibt darüber hinaus weitere Varianten, die in einzelnen Anleitungen auftauchen. Wenn du eine davon vor dir hast und der Anleitung nicht folgen kannst, halte dich an die Beschreibung im Muster selbst – die Techniken unterscheiden sich in den Details stärker, als die Namen vermuten lassen.
Kannst du die Technik einfach tauschen?
Grundsätzlich ja – und das ist einer der nützlichsten Griffe überhaupt. Die Anzahl und Position der Wendepunkte ist das, was die Form erzeugt; die Sicherungstechnik ist austauschbar. Wenn eine Anleitung „w&t" sagt und du lieber mit der Doppelmasche arbeitest, wendest du an denselben Stellen, sicherst nur anders – und löst die Sicherung später entsprechend anders wieder auf.
Zwei Dinge dabei im Blick behalten: Die Anleitung beschreibt beim Einholen der Kurzreihen oft explizit, wie der Wrap aufgenommen wird. Diese Passagen musst du mitübersetzen, sonst suchst du nach einem Wrap, den du gar nicht gelegt hast. Und die Techniken bauen leicht unterschiedlich viel Material am Wendepunkt ein, was in einem sehr eng gestrickten Stück minimal anders ausfallen kann.
Wenn du unsicher bist: Strick den Übergang einmal an einer Maschenprobe. Das ist ohnehin der ehrlichste Weg – siehe Warum diese 20 Minuten dein Projekt retten können.
Wo dir verkürzte Reihen begegnen
Schulterschrägung. Eine Schulter fällt nach außen ab. Klassisch wird das durch stufenweises Abketten gelöst, was eine sichtbare Treppe hinterlässt. Mit Kurzreihen legst du die Maschen stattdessen still, kettest am Ende alle auf einmal ab und bekommst eine durchgehende, glatte Kante.
Der Halsausschnitt bei Top-down-Pullovern. Dein Nacken sitzt höher als dein Schlüsselbein. Ein Pullover, der rundherum gleich hoch beginnt, zieht deshalb hinten nach unten und rutscht vorne hoch. Kurzreihen im Rückenbereich – oft ganz am Anfang, direkt nach dem Halsbündchen – heben das Rückenteil an. Das ist der Grund, warum gute Top-down-Anleitungen fast immer Kurzreihen enthalten; mehr zu diesen Konstruktionen steht in Top-down vs. Bottom-up.
Abnäher für die Brust. Zusätzliche Reihen nur im Vorderteil geben dort Länge, wo mehr Weite gebraucht wird, ohne den Pullover insgesamt länger zu machen.
Die Ferse. Die Bumerangferse besteht praktisch vollständig aus verkürzten Reihen, und auch das Käppchen einer Käppchenferse wird so gearbeitet. Welche Ferse zu welchem Fuß passt, steht ausführlich in Ferse stricken; wenn du ganz am Anfang stehst, führt dich Socken stricken für Anfänger durch das gesamte Projekt.
Tücher und Keilformen. Viele asymmetrische Tücher entstehen aus aneinandergereihten Keilen, und die Keile entstehen aus Kurzreihen. Auch der geschwungene Halbmond, der so gut um die Schultern liegt, ist Kurzreihen-Arbeit. Mehr zu Formen und Garnwahl in Tücher stricken.
Das Garn entscheidet, wie viel man sieht
Eine Wahrheit, die selten deutlich gesagt wird: Wie sauber deine Kurzreihen aussehen, hängt nicht nur an der Technik. Das Garn entscheidet mit – und zwar erheblich.
Glatte, mehrfädig gezwirnte Garne zeigen alles. Ein rundes, fest gezwirntes Garn hat ein klares, gleichmäßiges Maschenbild, und genau deshalb fällt jede Unregelmäßigkeit am Wendepunkt auf. Das ist kein Nachteil, sondern eine Ansage: Bei John Arbon Knit by Numbers DK (DK, in der aktuellen Version 50 % Bluefaced Leicester und 50 % Falkland-Merino) oder Rosy Green Cheeky Merino Joy (Sport, 100 % extrafeine Bio-Merino) lohnt es sich, die Technik vorher an einem Probestück zu üben. Dafür bekommst du dann auch ein Ergebnis, das aussieht, als wäre nie gewendet worden.
Wollige, leicht luftige Garne verzeihen mehr. Rauma Finull (Sport, 100 % norwegische Schurwolle) ist zweifädig und kardiert – das Gestrick bloomed beim Waschen und wird dabei voller. Kleine Unregelmäßigkeiten am Wendepunkt schließen sich dabei sichtbar. Dasselbe gilt für KFO Heavy Merino (Worsted, 100 % non-superwash Merino), das nach dem ersten Waschen ebenfalls deutlich bloomed. Non-superwash-Garne haben hier einen echten Vorteil: Die intakte Schuppenschicht sorgt dafür, dass sich die Maschen beim Waschen aneinander anlegen.
Single-Ply-Garne sind eine Sache für sich. La Bien Aimée Merino Singles (Fingering, 100 % superwash Merino, einfädig) hat ein weicheres, weniger definiertes Maschenbild – das kaschiert Wendepunkte gut. Gleichzeitig spalten einfädige Garne leichter, und gerade beim Aufnehmen eines Wraps oder einer Schlaufe erwischt man dann schnell nur einen Teil des Fadens. Ein glatter, nicht zu spitzer Nadeltyp hilft hier spürbar; welche Nadel wozu passt, steht in Stricknadeln: Der vollständige Guide. Was Single Ply sonst noch ausmacht, erklärt Single Ply vs. Multi Ply.
Mohair kaschiert fast alles. Der Halo von KFO Soft Silk Mohair (Lace, 70 % Kid Mohair und 30 % Maulbeerseide) legt sich über das Maschenbild und macht Wendepunkte praktisch unsichtbar – solo oder als Beilaufgarn. Der Preis dafür: Ein Wendepunkt, der doch schiefgegangen ist, lässt sich im Mohair nur sehr mühsam wieder auftrennen.
Für Fersen gilt weiterhin die Nylon-Regel. Eine Bumerangferse besteht komplett aus Kurzreihen – aber die sauberste Technik nützt nichts, wenn sich die Stelle in drei Monaten durchläuft. Sockengarn mit einem Nylonanteil wie CoopKnits Socks Yeah! (Light Fingering, 75 % Merino und 25 % Nylon) hält der Reibung im Schuh stand. Weitere Optionen findest du unter Sockengarne.
Die häufigsten Probleme – und was dahintersteckt
Trotz Technik bleiben Löcher. Bei German Short Rows fast immer: zu locker gezogen beim Bilden der Doppelmasche. Bei Wrap and Turn: der Wrap wurde beim Einholen nicht mit aufgenommen oder nur halb erwischt. Beides wird mit Übung besser – und beides zeigt sich schon auf einem kleinen Probestück, nicht erst am halbfertigen Pullover.
Die Doppelmasche wurde als zwei Maschen gestrickt. Der Klassiker. Wenn du plötzlich mehr Maschen auf der Nadel hast als die Anleitung sagt, ist das meistens der Grund. Die Doppelmasche wird immer als eine Masche behandelt – auch beim Zählen.
Die Kurzreihen bilden eine sichtbare Linie. Wenn alle Wendepunkte exakt übereinanderliegen, entsteht eine Naht im Gestrick. Gute Anleitungen staffeln die Wendepunkte deshalb bewusst. Wenn du selbst konstruierst: Lass nicht immer dieselbe Maschenzahl liegen.
Das Gestrick zieht sich am Keil zusammen. Wenn die Kurzreihen deutlich straffer sind als der Rest, sitzt die Stelle enger. Das liegt meist daran, dass man am Wendepunkt automatisch fester strickt. Bewusst locker weiterarbeiten hilft; ein Waschgang und Spannen glättet den Rest.
Du verlierst den Überblick, wo du bist. Bei vielen Wendungen hintereinander ist das normal. Ein Zeilenzähler oder ein Marker in der Mitte der Reihe als fester Bezugspunkt löst das zuverlässiger als Nachzählen.
Kurz gesagt
Verkürzte Reihen sind keine Fortgeschrittenen-Technik, für die man erst eine Prüfung ablegen müsste. Sie sind ein einfaches geometrisches Prinzip – mehr Reihen auf einer Seite als auf der anderen – mit drei gängigen Wegen, den Wendepunkt zu sichern.
Wenn du neu einsteigst: Nimm German Short Rows, nimm ein glattes, mittelstarkes Garn, das du gut sehen kannst, und strick einen Keil auf einer Maschenprobe. Zwanzig Minuten, und die Technik sitzt. Danach liest du „w&t" in einer Anleitung und weißt, was gemeint ist – und was du stattdessen tun kannst.
Weiterlesen:
- Ferse stricken: Käppchenferse, Bumerangferse und welche zu dir passt
- Top-down vs. Bottom-up: Pullover-Konstruktionen erklärt
- Tücher stricken: Garnwahl, Formen und Technik
- Strickanleitungen lesen: Abkürzungen, Strickschriften
- Warum diese 20 Minuten dein Projekt retten können
- Maschen abketten: Elastisch, fest und sauber abschließen
- Stricktechniken-Masterclass

