Seide ist die teuerste Naturfaser der Welt – und gleichzeitig eine der missverstandensten. Die meisten Strickerinnen kennen Seide hauptsächlich als 30-Prozent-Anteil in Mohair-Mischgarnen oder als luxuriöse Beimischung in Merino-Garnen. Was dabei oft unbeachtet bleibt: „Seide" ist kein einheitliches Material. Hinter dem Etikett verbergen sich völlig unterschiedliche Fasern – Maulbeerseide, Tussahseide, Bouretteseide – jede mit eigenem Charakter, eigenen Vor- und Nachteilen, eigenen Geschichten.

Dieser Artikel räumt damit auf. Er erklärt, welche Seidenarten es gibt, woher sie kommen, wie sie sich anfühlen, und welche Garne aus dem BONIFAKTUR-Sortiment welche Seide enthalten – damit du beim nächsten Kauf weißt, was du eigentlich in der Hand hast.

Wie Seide entsteht

Bevor wir in die Details gehen, lohnt ein kurzer Blick auf die Faser selbst. Seide ist die einzige Naturfaser, die nicht aus Pflanzen oder Tierhaaren stammt, sondern aus der Spinndrüse einer Raupe. Die Seidenraupe spinnt aus einem flüssigen Eiweiß (Fibroin) einen einzigen, kontinuierlichen Faden um sich herum, der sich an der Luft verfestigt. Ein einzelner Kokon kann bis zu 1.500 Meter Faden enthalten.

Dieser Faden ist von einem zweiten Eiweiß umhüllt, dem Sericin (auch Seidenleim genannt), das die Windungen des Kokons zusammenklebt. Beim Verarbeiten wird dieses Sericin meist mit heißem Wasser gelöst – ein Vorgang, der „Entbasten" heißt. Erst danach zeigt die Faser ihren charakteristischen Glanz.

Genau in den Schritten zwischen Kokon und Faden entscheidet sich, welche Seidenart entsteht.

Maulbeerseide: Der Klassiker

Maulbeerseide ist das, was die meisten Menschen meinen, wenn sie „Seide" sagen. Sie kommt vom Seidenspinner Bombyx mori – einer Raupenart, die ausschließlich Blätter des Maulbeerbaums frisst und seit über 5.000 Jahren in China gezüchtet wird. Ihre Kokons werden in heißem Wasser abgehaspelt, sodass der lange, kontinuierliche Faden in einem Stück gewonnen wird.

Das Ergebnis: extrem glatte, gleichmäßige Filamentseide mit dem charakteristischen Hochglanz, der Seide zur Luxusfaser gemacht hat. Maulbeerseide ist die feinste, hochwertigste und mit Abstand teuerste Seidenart.

In Strickgarnen wird Maulbeerseide meist als Anteil in Mischgarnen verwendet. Pur als Strickgarn ist sie selten – ihre Glätte und fehlende Elastizität machen sie für Pullover ungewöhnlich. Im BONIFAKTUR-Sortiment ist Maulbeerseide z.B. in KFO Soft Silk Mohair (30% cruelty-free Maulbeerseide) und Fyberspates Cumulus (26% Maulbeerseide) zu finden – beide Lace-Garne, in denen die Seide das Mohair bzw. Alpaka stabilisiert und ihm Drape und einen feinen Glanz verleiht.

Tussahseide: Die Wilde

Tussahseide kommt von einer ganz anderen Raupe: dem Tussahspinner. Diese Falter leben frei in der Natur, vor allem in Indien und China, und ernähren sich von Eichen-, Birken- und anderem Wildlaub. Weil sie nicht in einer kontrollierten Umgebung gezüchtet werden, schwankt ihre Nahrung – und das spiegelt sich im Faden wider.

Tussahseide ist gröber, unregelmäßiger und hat einen warmen, gold-gelben Naturton, den auch das Färben nicht vollständig überdeckt. Der Glanz ist matter als bei Maulbeerseide, dafür hat das Material mehr Charakter und Tiefe. Tussah ist außerdem widerstandsfähiger als Maulbeerseide – ein praktisches Argument für Strickgarne.

In Mischgarnen mit Wolle ergibt Tussah einen besonders schönen Effekt: Die Goldnote der Wildseide gibt handgefärbten Garnen eine zusätzliche Tiefe, weil sich die Färbung auf dem Tussah- und dem Wollanteil unterschiedlich verhält. Manos del Uruguay Fino ist dafür ein gutes Beispiel: 70% Merino + 30% Tussahseide, handgefärbt – das Garn entwickelt eine Farbtiefe, die ein reines Merino-Garn nicht erreicht.

Bouretteseide: Der ehrliche Abfall

Bouretteseide ist die spannendste Seidenart, weil sie aus dem entsteht, was bei der Maulbeerseiden-Produktion übrig bleibt: kurze Fasern aus Kokonenden, gerissenen Fäden, Doppel- oder Schlupfkokons. Diese Reste werden gesammelt, kardiert (also gekämmt wie Wolle) und zu einem Garn versponnen – ähnlich wie Wolle gesponnen wird, nicht wie klassische Seide gehaspelt.

Das Ergebnis ist eine völlig andere Faser: matter Glanz statt Hochglanz, leichte Noppen und eine sichtbare Textur statt gleichmäßiger Glätte, ein griffiges statt rutschiges Gefühl. Bouretteseide enthält oft noch Reste des Sericins, was ihr eine leicht gelbliche Naturfärbung gibt.

Klingt nach Abfall? Ist es im engeren Sinn auch – aber genau das macht Bouretteseide zur ressourceneffizientesten Seidenart. Nichts wird weggeworfen, was sonst auf dem Müll landen würde.

KFO Pure Silk ist im BONIFAKTUR-Sortiment das einzige Garn aus 100% Bouretteseide, ohne Mischanteile. Wenn du wissen willst, wie sich pure Bouretteseide auf der Nadel anfühlt, ist das der direkte Weg dahin – und wir haben dem Garn einen eigenen Knittipedia-Artikel gewidmet, falls du tiefer einsteigen möchtest.

Schappeseide: Die mittlere Variante

Zwischen Maulbeer- und Bouretteseide gibt es eine Zwischenstufe, die in der Strickwelt seltener explizit ausgewiesen wird: Schappeseide. Sie besteht aus den mittellangen Fasern (etwa 10–15 cm), die zu kurz für Filamentseide, aber zu lang für Bourette sind. Schappeseide wird ähnlich wie Bourette versponnen, hat aber feinere und längere Fasern – sie ist glatter und glänzender als Bourette, aber matter als Filamentseide.

Wenn ein Garn nur „Seide" auf dem Etikett stehen hat, ohne Spezifikation, ist es häufig Schappe oder eine versponnene Mischung. Bei Malabrigo Silkpaca (30% Seide), Gepard Kid Seta (30% Seide) und Madelinetosh Impression (30% Seide) ist die genaue Seidenart nicht spezifiziert – wahrscheinlich Schappe oder eine versponnene Maulbeerseide, aber das müsste in jedem Einzelfall direkt beim Hersteller geklärt werden. [bitte prüfen]

Cruelty-free Seide: Was steckt dahinter?

Seide ist aus Tierschutzsicht ein heikles Thema. Bei klassischer Maulbeerseide werden die Kokons abgehaspelt, bevor die Raupe schlüpft – das bedeutet, dass die Larve im Kokon stirbt. Für 1 kg Filamentseide werden ungefähr 3.000 Kokons benötigt.

Cruelty-free Seide (manchmal auch Ahimsa-Seide oder Peace Silk genannt) löst dieses Problem auf einem einfachen Weg: Die Seidenraupen dürfen sich vollständig zu Schmetterlingen entwickeln und den Kokon verlassen. Erst danach werden die – jetzt durchbrochenen – Kokons gesammelt. Der Faden ist dadurch zerbrochen, kann aber genau wie bei der Bourette-Verarbeitung kardiert und versponnen werden.

Das Ergebnis ist Seide mit ähnlichem Charakter wie Bouretteseide: matter, texturierter, mit Naturton. Bei KFO Pure Silk (100% cruelty-free Bourette) und KFO Soft Silk Mohair (30% cruelty-free Maulbeerseide) hat sich Knitting for Olive konsequent für diese Variante entschieden – sichtbar am Schmetterlingssymbol auf dem Etikett.

Ehrliche Abwägung: Selbst cruelty-free Seide ist nicht völlig unproblematisch, weil Seidenzucht in der Regel Monokulturen, Wassereinsatz und globale Lieferketten bedeutet. Wer Tierwohl und Ressourcen ernst nimmt, kann Bouretteseide oder cruelty-free Maulbeerseide gegenüber klassischer Filamentseide bevorzugen, sollte aber kein Wunder erwarten.

Eigenschaften aller Seidenarten

So unterschiedlich sich Seidenarten anfühlen – einige Kerneigenschaften teilen sie sich:

Temperaturregulierung: Seide nimmt Körperwärme auf und gibt sie langsam wieder ab. Im Sommer wirkt sie kühlend, im Winter wärmend – ein Grund, warum Seide schon historisch sowohl als Sommer- als auch als Untertragstoff verwendet wurde.

Hohe Festigkeit: Seide ist trotz ihres feinen Aussehens eine der reißfestesten Naturfasern – stabiler als Wolle bei vergleichbarem Querschnitt.

Wenig Elastizität: Im Gegensatz zu Wolle hat Seide keine Rückfederung. Was du strickst, bleibt so, wie du es strickst – kein „in Form ziehen". Bei reinen Seidengarnen kann das fertige Stück sich mit der Zeit längen, vor allem bei schwereren Projekten.

Hohe Feuchtigkeitsaufnahme: Seide kann bis zu 30% ihres Gewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen – ein Grund, warum sie auf der Haut so angenehm wirkt.

Empfindlich gegen UV und Hitze: Sonneneinstrahlung lässt Seide langfristig verblassen und an Festigkeit verlieren. Heißes Wasser zerstört die Eiweißstruktur irreversibel.

Wofür eignet sich Seide?

Seide ist kein Garn für alle Projekte. Ihre Stärken liegen in bestimmten Anwendungsfeldern:

Tücher und Stolen: Das Hauptanwendungsfeld für seidenhaltige Garne. Der Drape, der Glanz, das fließende Verhalten – all das macht Tücher aus Seide oder Seide-Mischungen unvergleichlich. Mehr dazu im Tücher-Artikel.

Lace-Projekte: Seide hält Lace-Strukturen sauber und sichtbar. Maulbeerseide-Mohair-Mischungen sind in der Lace-Welt Standard. Wir haben dem Thema einen eigenen Lace-Artikel gewidmet.

Sommerprojekte: Reine Seide oder Seide-mit-Pflanzenfaser-Mischungen sind im Sommer angenehmer als reine Wolle – sie kühlen aktiv. Mehr im Sommergarne-Artikel.

Akzente und Kombinationen: Seide allein kann zu rutschig oder zu schwer wirken. Als 20–30%-Anteil in einem Wollgarn bringt sie aber genau das Richtige – einen dezenten Schimmer, mehr Drape, eine Farbtiefe, die rein industrielle Garne nicht erreichen.

Nicht geeignet: Socken (keine Elastizität, keine Strapazierfähigkeit gegen Reibung) und schwere strukturierte Pullover mit viel Eigengewicht (Seide kann sich längen). Wer Socken stricken möchte, schaut besser in die Sockenwolle-Sortimente.

Pflege

Seide ist empfindlich, aber mit der richtigen Pflege langlebig:

  • Handwäsche bei maximal 30 °C, lauwarm. Heißes Wasser zerstört die Eiweißstruktur irreversibel.
  • Mildes Wollwaschmittel oder Babyshampoo. Kein Vollwaschmittel, keine Enzymreiniger.
  • Liegend trocknen, im Handtuch ausgerollt. Niemals in den Trockner.
  • Niemals in der direkten Sonne trocknen – UV verblasst Seide und macht sie langfristig brüchig.
  • Bügeln nur auf niedrigster Stufe und mit Tuch dazwischen, wenn überhaupt.

Das gilt für alle Seidenarten. Bei Mischgarnen orientierst du dich am empfindlicheren Anteil – meistens ist das die Seide. Mehr dazu im Pflegeguide.

Welche Seide für welches Projekt?

Eine kurze Orientierung durchs BONIFAKTUR-Sortiment:

Den ganzen Bereich findest du in der Seide-Kollektion.

Fazit

„Seide" ist kein Material, sondern eine Familie von Materialien. Maulbeerseide gibt dir den klassischen Hochglanz, Tussahseide einen warmen, ehrlichen Charakter mit Goldton, Bouretteseide das matt-texturierte Gegengewicht zur Industrieoptik. Dazu kommt die ethische Dimension: cruelty-free Seide ist heute eine echte Alternative zur klassischen Filamentseide.

Welche Seide für dich die Richtige ist, hängt davon ab, was du in deinem Projekt erleben möchtest – einen Hochglanzeffekt, Farbtiefe, einen subtilen Schimmer oder die ehrliche Textur einer kardierten, versponnenen Faser. Es gibt nicht die eine richtige Seide. Es gibt mehrere – und jetzt weißt du, welche.

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